
Die Angst vor der Spannung: Ein bekanntes Phänomen
In meinen Rolle als Organisationsberater und Coach beobachte ich häufig einen vorsichtigen, fast ängstlichen Umgang mit dem Thema Konflikte. Ob in der Planung von Führungstrainings oder Team-Workshops: Konfliktkompetenz wird oft nur zögerlich und gleichzeitig mit der Gewissheit aufgegriffen, dass es „irgendwie wichtig“ ist.
Wir sind Meister darin geworden, Konflikte zu dramatisieren und sie in die „Schmuddelecke“ der zwischenmenschlichen Interaktion zu verbannen. Doch damit übersehen wir ihr gewaltiges Potenzial – ihre Superkräfte – für Wachstum und Innovation.
Eher Spannung statt Konflikt: Die systemische Perspektive
Meine feste Überzeugung ist: Konfliktkompetenz ist eine Kernkompetenz für moderne Führung und resiliente Organisationen. Konflikte sind kein Systemfehler, sondern ein natürliches Signal.
Statt sie in ihren angstbesetzten Mustern zu belassen, sollten wir sie neu interpretieren – als Spannungen.
- Was ist Spannung? Es ist der Zustand, in dem Sie erleben, dass der Ist-Zustand von einem gewünschten Soll-Zustand abweicht. Diese Divergenz ist der Motor für Entwicklung.
- Wo entstehen Spannungen? Sie sind allgegenwärtig: in jedem Veränderungsprozess, bei der Suche nach Lösungswegen für komplexe Probleme oder wenn unterschiedliche, aber gleichermaßen berechtigte Bedürfnisse im Team aufeinandertreffen. Spannungen sind somit zutiefst menschlich und ein Indikator für Produktivität. Sie sind der Treibstoff für neue und kreative Lösungsansätze.
Die Natur als Lehrmeister
Oft können wir uns bei der Natur etwas abschauen. Wie geht die Natur mit Spannungen um?
Die Natur ist permanenten Spannungen ausgesetzt: Sie erlebt den Wettbewerb um Ressourcen und die unaufhörliche Notwendigkeit der Anpassung an wechselnde Umweltbedingungen. Ständige Notwendigkeit, sich einem anderen Soll-Zustand zu nähern. Aus diesen fortlaufenden Spannungen heraus entstehen kontinuierlich wunderbare, neue Lösungen – die wir im ganz großen Bild als Evolution erleben. Am Ende überlebt die Natur immer irgendwie und findet eine Lösung.
Das zentrale Learning: Überlässt man dem System die Klärung, finden sich kreative, tragfähige und nachhaltige Antworten.
Irgendwie magisch: Die Erfahrung mit Restorative Circles
Die tiefe Wirksamkeit dieser Perspektive und dieses Umgangs mit Konflikten konnte ich kürzlich bei einem Kunden hautnah erleben. Hier kam das Kernwerkzeug meiner Weiterbildung zum Conflict Culture Facilitator zum Einsatz: die Restorative Circles. Ein wesentlicher Punkt: Statt um die Suche nach Schuldigen oder Sanktionen geht es um Wiedergutmachung, Heilung und das Gefühl, wirklich gehört und verstanden zu werden.
Die Anwendung dieses Werkzeugs und die nachfolgende Wirkung waren geradezu „magisch“. Ein extrem verwickelter, hoch emotionaler und völlig blockierender Konflikt konnte in erstaunlich kurzer Zeit gelöst werden.
Was diese Klärung so besonders machte, war die Transformation der Teilnehmer:
Menschen, die zitternd, kampfbereit und illusionsbefreit den Raum betraten, konnten am Ende des Prozesses in Ruhe und Zuversicht auf die gefundene Klarheit und die nächsten gemeinsamen Schritte blicken. Sie wurden in einem strukturierten, vertrauensvollen Rahmen wirklich gehört und konnten erleben, verstanden zu werden. Das ist die wahre Superkraft des Konflikts, wenn man ihm einen gesunden Raum gibt.
Ein Fazit
Indem wir Konflikten aktiv den Raum für Klärung geben, nutzen wir sie als Superkräfte auf dem Weg zu mehr Klarheit, Innovation und nachhaltigem Wachstum – in Unternehmen, Teams und auch privat. Da wird es dann kein kompletter Restorative Circle sein, sondern einzelne, auch losgelöst sehr wirksame Elemente.
